Schlagwort-Archive: Gesellschaft

Buchtipp: „Hausbesuche“ von Stephanie Quitterer

rotkapiStellen Sie sich vor, es klingelt an Ihrer Wohnungstür und vor der Tür steht eine wildfremde junge Frau mit einem selbstgebackenen Kuchen in der einen und einem Rotkäppchenkorb voller Tee und Kaffee in der anderen Hand, die jetzt und sofort mit Ihnen in Ihrer Wohnung ein Kaffeekränzchen abhalten möchte. Einfach so, um Sie kennen zu lernen und ein wenig mit Ihnen zu plaudern. Würden Sie die Tür schnell wieder schließen? Oder würden Sie die fremde Person in Ihre Wohnung lassen? Sie denken jetzt: „Egal, das macht doch sowieso keiner“? Weit gefehlt, denn Stephanie Quitterer hat genau das gemacht, in Berlin, in ihrem Kiez, und sie hat darüber erst in einem Blog berichtet und dann ihre Erlebnisse in einem Buch veröffentlicht.

Und auch wenn ich nicht die geringste Ahnung habe, ob ich selbst im Falle eines solchen Besuchs eher panisch oder cool reagiert hätte – ich hatte viel Spaß an den Erlebnissen von „Rotkapi“ (wie sie sich während ihrer Aktion genannt hat). Mit viel Selbstironie  und in einem locker-flockigen Stil beschreibt Quitterer, wie sie überhaupt auf die Idee gekommen ist (eine Wette) und was sie so alles erlebt hat (jede Menge Skurriles). Und sozusagen als Topping liefert sie noch mit jedem Kapitel ein Rezept ihrer selbst gebackenen Kuchen, mit denen sie sich auf den Weg zu ihren unbekannten Nachbarn gemacht hat –  zum Nachbacken geeignet!

Also: Lesen, Backen, Nachmachen!

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Buchtipp: „Rabenfrauen“ von Anja Jonuleit

rabenfrauenDas Thema dieses sehr packenden Romans ist das Schicksal einer jungen Frau, die in den Bann der christlichen Sekte „Colonia Dignidad“ gerät, für diese Gemeinschaft ihr Leben in Deutschland hinter sich lässt und alle Brücken hinter sich abreißt. Die Autorin hat umfangreiche Hintergrundrecherchen für ihr Buch durchgeführt, war selbst in Chile und hat mit ehemaligen Sektenmitgliedern gesprochen. Dieser reale Hintergrund macht die Geschichte umso beklemmender.

Zum Inhalt: Die Freundinnen Ruth und Christa lernen im Sommer 1959 Erich kennen, der zu einer Gruppe freikirchlicher Christen gehört. Beide verlieben sich in ihn, aber nur Christa gerät dadurch immer mehr in den Bann der Freikirchler, bis sie schließlich ihre Heimat verlässt und mit Erich und „Onkel Paul“ (dem Sektenführer Paul Schäfer) nach Chile auswandert – das Schicksal beider Freundinnen verändert sich für immer.

Der Roman wird abwechselnd aus der Perspektive von Ruth, Christa und Ruths Tochter Anne erzählt. Dabei wird deutlich, wie perfide das totalitäre Sektensystem der „Colonia Dignidad“ funktioniert hat, das mit Hilfe von Ausbeutung, Bespitzelung, psychischem Druck und physischer Gewalt seine Mitglieder auf Linie gebracht und sie nach und nach ihrer persönlichen Würde beraubt hat.

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Buchtipp: „Toter Himmel“ von Gilly MacMillan

toterhimmelDie frisch geschiedene Rachel erlebt den Alptraum aller Eltern: während eines Spaziergangs im Wald verschwindet ihr 8jähriger Sohn Ben spurlos. Und als wäre das noch nicht genug, wendet sich nach einem unglücklich verlaufenen Presseauftritt auch noch die Öffentlichkeit gegen sie und überzieht sie im Internet mit Hasstiraden. Die polizeilichen Ermittlungen verlaufen zäh und machen auch vor sorgfältig gehüteten Familiengeheimnissen nicht Halt, so dass Rachel sich nach und nach von Polizei, Freunden und Familie im Stich gelassen fühlt und schließlich niemandem mehr traut.

Die Autorin schildert packend die Frustration der ermittelnden Polizeibeamten, die auch persönliche Probleme mit in den Fall bringen, und den immer offensichtlicher werdenden psychischen Ausnahmezustand Rachels, der schließlich zum Zusammenbruch führt. Das Buch ist intensiv, berührend und außerdem auch noch spannend, denn die Hintergründe für die Entführung werden erst sehr spät aufgedeckt.

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Buchtipp: „Ich komm auf Deutschland zu“ von Firas Alshater

Firas Alshater, erfolgreicher Youtuber, Comedian und endlich auch Schauspieler (sein Jugendtraum), sieht aus wie ein ganz normaler junger Berliner Hipster: Bart, Piercing, Tattoos, coole Shirts.  Aber er lebt erst seit 2013 als anerkannter politischer Flüchtling in Berlin, davor wurde der gebürtige Syrer wegen seiner politischen Aktionen sowohl vom Assad-Regime als auch von Islamisten verfolgt und auch gefoltert. Trotz dieser furchtbaren und traumatischen Erlebnisse hat er sich eine grundsätzlich positive und heitere Lebenseinstellung bewahren können, die sich auch in seinem Buch widerspiegelt. Charmant, witzig und (selbt-)ironisch erzählt er von seinem Leben in Syrien, den schönen und den furchtbaren Dingen, die er dort erlebt hat, der Ausreise und Ankunft in Deutschland und seinen Erfahrungen mit den Deutschen. Einiges findet sich auch in seinen sehr sehenswerten YouTube-Clips (ZUKAR-Stückchen), wo er sich auf amüsant-ironische Weise mit der Situation von Flüchtlingen in Deutschland auseinander setzt, mit Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen und mit Vorurteilen gegenüber Deutschen. Sein Plan: den Hass einfach weglachen!

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Buchtipp: „Liebe Fanatiker“ von Markus Tiedemann

fanatikerNur zufällig bin ich in der Bibliothek über dieses kleine Buch gestolpert, der Titel schien mir widersprüchlich, und der Untertitel „Gegen extreme Überzeugungen“ machte mich neugierig: wie wären die Argumente wohl formuliert? Ironisch? Emotional? Sachlich? Nur kurz reinschauen wollte ich, und dann habe ich mich mit steigendem Interesse festgelesen. In 33 kurzen Briefen werden religiöse und ethische Grundfragen erläutert, wie zum Beispiel „Gibt es einen Gott oder gibt es keinen?“, „Wieso tun sich Religionen so schwer mit der Gleichberechtigung?“ oder „Kann ein Atheist ein guter Mensch sein ?“ Wer jetzt denkt „Oh, schwere Kost“, liegt damit völlig falsch.  Zwar werden Thesen hinterfragt, mögliche Lösungen und Antworten erörtert und extreme und fanatische Glaubenshaltungen mit sachlichen Argumenten widerlegt, aber das Ganze geschieht so leicht, unterhaltsam und gut verständlich, dass das Mitdenken überhaupt nicht schwer fällt.

Unterm Strich wirbt der Autor, der als Professor für Philosophiedidaktik und Ethik an der TU Dresden lehrt, für Offenheit und Toleranz Andersdenkenden gegenüber und entzieht religiösem Fanatismus gleich welcher Couleur den Boden. Die Briefe wurden übrigens bereits 2015 als Serie in der „Frankfurter Rundschau“ veröffentlicht.

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Buchtipp: „Sitzen vier Polen im Auto“ von Alexandra Tobor

Ich habe mich immer wieder gefragt, wie es wohl sein mag, wenn man ohne jegliche Sprachkenntnisse in einem fremden Land mit unbekannter Kultur ankommt und welche Hürden man bei der Integration wohl meistern muss? Nach der Lektüre dieses unterhaltsamen, autobiografisch gefärbten Romans ist mir nun einiges klarer. Zwar geht es hier um die Migration einer polnischen Familie nach Deutschland kurz vor dem Mauerfall, aber die Erlebnisse dieser Familie können sich leicht auf die Gegenwart und die heutige Situation von Flüchtlingen in Deutschland übertragen lassen.

Die 8jährige Ola verlässt 1989 mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder die polnische Heimat, weil sie dort keine Perspektive haben. Im „Goldenen Westen“ angekommen, leben sie – genau wie die Flüchtlinge heute – zunächst in Massenunterkünfte und Schlichtwohnungen. Das deutsche Alltagsleben ist ganz fremd und ungewohnt, die Familie kämpft mit der deutschen Sprache, den Behörden und den Vorurteilen in der deutschen Bevölkerung. Und natürlich sind die Eltern, obwohl gut ausgebildet, erst einmal arbeitslos. Das könnte alles todtraurig und deprimierend geschrieben sein, ist es aber nicht. Ola erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht, teils kindlich-naiv, teils ziemlich scharfsinnig und auf den Punkt gebracht, auf jeden Fall aber immer sehr leicht und amüsant. Und am Ende ist Ola glücklich und wirklich angekommen in ihrer neuen Heimat.

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Buchtipp: „MUC – die verborgene Stadt“ von Anna Mocikat

Erst im Juli habe ich den Postapokalypse-Roman „MUC“ empfohlen, nun habe ich auch den Folgeband gelesen und möchte ihn ebenfalls hier vorstellen.

muc2Die Kletterkünstlerin Pia lebt mittlerweile schon seit einem Jahr bei den Hades-Rebellen in MUC (ehemals München) und erkundet immer noch begeistert die Stadt und ihre verlassenen Hochhäuser. Nachdem der Konflikt mit der Oberstadt, von dem der erste Band handelt, beigelegt ist, droht nun allerdings neues Unheil: Die Machthaber der im Nordosten gelegenen Metropole Utilitas (ehemals Frankfurt am Main) planen eine Invasion, um ihren Machtbereich auszudehnen und außerdem Pia zu entführen. Denn Pia mit ihren schwarzen Haaren ist unter all den ausschließlich rothaarigen Überlebenden der großen Virus-Epidemie etwas Besonderes. Um Utilitas abwehren zu können, verbünden sich die Bewohner der Ober- und der Unterstadt und schicken außerdem Elias aus der Oberstadt und Pia aus dem Hades auf die gefährliche Mission, die verborgene Stadt im Nordosten von MUC zu finden und deren Bewohner um Hilfe zu bitten.

Der Roman kann zwar auch ohne Kenntnis des ersten Bandes gelesen werden, macht aber mehr Spaß, wenn man die Protagonisten und die Vorgeschichte kennt. Der Autorin ist erneut ein spannender und abenteuerreicher Roman mit dem einen oder anderen Gruseleffekt gelungen.

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Buchtipp: „MUC“ von Anna Mocikat

mucSüddeutschland im Jahr 2120: Hundert Jahre nach dem großen Sterben, dem fast die gesamte Menschheit zum Opfer fiel und das nur rothaarige Menschen überlebten, verlässt die dunkelhaarige Außenseiterin Pia die Enge ihres abgelegenen Heimatdorfes in den Alpen. In der sagenumwobenen Stadt MUC (vormals München) möchte sie ihren verschollenen Bruder suchen. Anstelle des erhofften Paradieses findet sie jedoch eine albtraumhafte Stadt vor, in der die verarmten Bewohner von einem strenggläubigen Diktator beherrscht werden. Sie schließt sich einer Rebellentruppe an, die sich in den Katakomben unter der Stadt eine Heimat geschaffen hat und von Diebstählen und Raubzügen lebt. Auf einer Beutetour in die reiche Oberstadt macht Pia eine unglaubliche Entdeckung.

Die Autorin zeichnet ein beklemmendes Bild einer möglichen postapokalyptischen Zukunft. Ich habe mir beim Lesen durchaus die Frage gestellt, was wohl von unserer Zivilisation übrig bleiben mag, wenn unser heutiges Wissen und unsere technischen Errungenschaften auf Grund einer Katastrophe von heute auf Morgen verloren gehen?

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Buchtipp: „Wir Erben“ von Julia Friedrichs

ErbenDie freie Journalistin Julia Friedrichs hat schon mehrere sozial- und gesellschaftskritische Reportagen veröffentlich. In ihrem neuesten Buch beschreibt sie einen noch wenig bekannten, aber dennoch stetig wachsenden Teil der Gesellschaft: die Gruppe der Menschen, deren Leben durch ein (mehr oder weniger großes) Erbe bestimmt wird. Für das Buch interviewte sie viele Angehörige dieser „Parallelgesellschaft“:  Menschen, denen das ererbte Geld peinlich ist; Erben, die sich mit ihren Miterben völlig zerstritten haben; Menschen, die durch ihr immenses Erbe keinen echten Sinn in ihrem Leben mehr finden können; Menschen, die enterbt wurden oder selbst enterben. Und sie stellt die Frage, warum in unserer Gesellschaft, in unserem Staat, Arbeitsleistung benachteiligt und Erbvermögen begünstigt wird. Die poltische und persönliche Dimension ist dabei sehr ausgewogen, Gesellschaftskritik geht Hand in Hand mit echtem Interesse für die Interviewpartner. Alles in allem ein interessantes Buch zu einem interessanten Thema.

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Buchtipp: „Teenie-Leaks“ von Paul Bühre

teenieUnd schon wieder empfehle ich einen Bestseller: Der 15-jährige Berliner Gymnasiast Paul Bühre gewährt auf amüsante Art und Weise einen Einblick in die Welt der heutigen Jugendlichen – zumindest der männlichen. Der Untertitel des Buches lautet vielsagend: „Was wir wirklich denken (wenn wir nichts sagen)“. Dementsprechend kann man alles mögliche erfahren über  die Haltung von halbwüchsigen Jungs zu Freunden, Eltern, Erziehungsmethoden, Liebe, Sex, Pubertät, Klamotten, Kommunikation, Computerspielen und so weiter. Das Fazit ist: die Jugend von heute ist eigentlich ganz normal und auf keinen Fall so schlimm, wie manche Erwachsene glauben (oder befürchten) …

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